Kultur

„Auf Lebendigkeit können wir vertrauen“

Bis zuletzt blieb Alexander Kluge eine Stimme von Bedachtsamkeit und wacher Gegenwärtigkeit, deren Urteil man ernstnahm, deren Kommentare Denkanstöße gaben und die vor allem Hoffnung stiftete, neue Perspektiven eröffnete und Wege aus der Ungewissheit aufzeigte.

Die Grundfrage der Philosophie laute seit Kant: „Auf was kann ich mich verlassen?“, wie Kluge noch im Januar, hochbetagt und kein bisschen defätistisch, auf einer Konferenz in München bemerkte. Die Herausforderungen der Gegenwart hätte...

„Normale Architekten bauen 20, 30 Kirchen“

„Überall erschien mir immer dieser Name.“ Was wie eine beiläufige Bemerkung klingt, wurde zum Ausgangspunkt einer jahrelangen Recherche. Thomas Lutgen, Restaurator und Bauforscher, hatte ursprünglich gar nicht vor, sich mit Charles Arendt zu beschäftigen. „Ich bin eigentlich Mediävist“, sagt er. Nach der Restaurierung der Liebfrauenkirche in Trier wandte er sich – wie schon zuvor – bauhistorischen Untersuchungen zu, analysierte Strukturen und durchforstete Archive. Dabei stieß er immer wieder au...

De leschte Lëtzebuerger

Vu Schengen hannert der Bréck, do wou d’Häiser net geleckt an de Mackadam e bësse méi knubbeleg ass, féiert d’Strooss op Sierck, wou an enger verwénkelter Gaass, direkt bei der Buerg, en Troubadour vum Lëtzebuergeschen – franséischer Natioun – wunnt; an dat obwuel Sierck ni zu Lëtzebuerg gehéiert huet a mir dach esou gär an der Friemt no „Lëtzebuerger“ a besonnesch Lëtzebuergeschsproochler sichen: zu Sibiu, a Brasilien an op der ganzer Welt. De Jo Nousse ass awer mol kee Lëtzebuerger, jiddferfal...

Der letzte Bohemien der Oberstadt

Seine letzten Jahre nannte er mit kauzigem Humor „die neue Sachlichkeit“: rauchfrei, alkoholfrei, beinahe asketisch. Doch der Preis war hoch. Wegen eines vor einigen Jahren diagnostizierten Lungenleidens verließ er kaum noch seine Wohnung in der Beaumontsgasse. Er empfing bei sich die wenigen Freunde, die ihm treu geblieben waren, ließ sich die Libé, Le Monde und Bücher in seine ungeheizte Zweizimmerwohnung bringen, die er seit 1979 für 400 Euro monatlich mietete. Er bestellte Gerichte aus den u...

Zwischen Glauben und Vergessen

Am 16. November 1926, um vier Uhr nachmittags, fand in der Kapelle der Franziskanerinnen in Belair eine Abschiedsfeier für sechs Schwestern statt. „Dem dringenden Aufruf des Mis-
sionspapstes Pius XI. folgend“, hatte die Kongregation der Franziskanerinnen von der Barmherzigkeit ihre Beteiligung am „Missionswerk“ angeboten und die Schwestern Maria Ambrosia, Euphrasia, Alphonse-Maria, Stanislas, Salesia und Marie-Paul nach China entsandt. In der Provinz Hunan im Zentrum des Landes sollten sie von...

Rätselhafter Glanz

Wie gewaltige Eichenkronen erheben sich die rot- und ockerfarbenen Gewölbe über zwei Säulen und gliedern die dreischiffige Pfarrkirche in zwei Joche. Das vordere wird von einem einfachen Kreuzgewölbe überspannt, das hintere von einem komplexen Netz aus Liernen und Tiercerons, jenen diagonal verlaufenden Rippen, die in der Gotik zu kunstvollen Stern- und Netzgewölben führen. Die Gewölbe ziehen sich wie ein filigranes System über den gesamten Raum und lenken den Blick immer wieder auf die Schlusss...

Der Wattman und die Jumbo-Karte

Es ist ein verschneiter Samstagnachmittag. Entschlossenen Schrittes betreten wir das Museum durch einen versteckten Seiteneingang, nachdem wir an der straßenseitigen Tür gescheitert waren. Aus der dunklen Portiersloge nickt uns freundlich ein Herr zu, dessen Brille das blaue Leuchten eines Bildschirms spiegelt. Der Eindruck ist vertraut, beinahe privat, als sei man eher zu Gast als Besucher.
„Ech maachen Iech d’Luuchten un“, sagt der Portier.

Der Ausstellungsraum erweist sich als wesentlich...

Der stille Magnet

„Scheiße … leck mech am Arsch … mir mussen dat do elo nach eng Kéier machen, Kand!“ Leo Folschette ist genervt, aber nicht wirklich böse. Es ist das dritte Mal, dass er die Ansage seiner Tochter Lisa unterbrechen muss. Sie steht im improvisierten Studio der heimischen Garage vor einem Blue Screen. Draußen läuten die Kirchenglocken, kurz darauf ertönt die Bahnschranke für den vorbeifahrenden Zug. Schließlich bemerkt Leo, dass das Funksignal des kabellosen Mikrofons gar nicht eingeschaltet ist....

Große Erwartungen

Es mag überraschend klingen, doch ohne Charles Arendt hätte Luxemburg-Stadt heute mit Sicherheit ein ganz anderes Antlitz. Steht man in der aktuellen Ausstellung vor dem Stadtplan, auf dem sämtliche Projekte Arendts verzeichnet sind, kann man über die schiere Fülle der Aufträge nur staunen: 126 Projekte allein auf dem Gebiet der Stadt Luxemburg; 329 im ganzen Land. Eine geradezu ungeheuerliche Leistung. Als erster Staatsarchitekt hatte Charles Arendt maßgeblich Anteil am Aufbau nationaler Instit...

In der Seitenstadt

Von den verschneiten Anhöhen wachen die immergrünen Kronen der Waldkiefern über das erstarrte Dorf. Minus drei Grad. Die Luft ist feucht und beißend kalt. Im Schlosshof verabschieden sich zwei französische Küchengesellen rauchend in die Betriebspause, wenden ihre billigen Wagen auf dem schneebedeckten Parkplatz und gleiten den Hang hinunter. Aus dem gegenüberliegenden Wald ruft unbeirrt eine Meise in den trüben Tag. Am Fuß des Schlosses überquert jemand den Innenhof und verschwindet in einem Hau...

Der Luxemburgeffekt

Beim sogenannten „Luxemburgeffekt“ hört man im Hintergrund schwach das Programm eines anderen Radiosenders: ein akustisches Echo, das sich unfreiwillig als treffende Metapher für die aktuelle Entwicklung rund um das ehemalige RTL-Senderareal in Junglinster anbietet. Während im Vordergrund glänzende Neubauprojekte und Millionenwerte dominieren, bleibt die Erinnerung an ein zentrales Kapitel Luxemburger Mediengeschichte im Hintergrund nur noch leise hörbar.

Am Montag startete Luxemburg offiziel...

Ein Musikerleben gegen alle Widerstände

Mit einer eindrücklichen Ausstellung erinnert die Luxemburger Nationalbibliothek an Pierre Nimax sen. (1930–2021), Pianist, Komponist, Organist, Militärmusikdirigent und eine der prägendsten Figuren des Luxemburger Musiklebens des 20. Jahrhunderts. Kuratiert von der Musikpädagogin und BNL-Mitarbeiterin Elisabet Wirtz-Lemmel, stützt sich die Schau auf einen außergewöhnlich reichen Nachlass, der 2021 von der Familie dem Musikarchiv der BNL (Cedom) überlassen wurde. Ein Archiv, das Fotos, Briefe, P...

« Cercle de la félicité »

D’Land : Léon Krier est mort à Palma de Mallorca le 17 juin. Comment décririez-vous ses derniers mois ?

Irene Krier : Tout est arrivé très soudainement. Il avait bien quelques douleurs, mais elles étaient passagères et je ne m’en étais pas trop inquiétée. Il n’aimait pas aller chez le médecin. Il détestait les hôpitaux. Pas seulement pour ce qu’ils représentaient, mais aussi d’un point de vue esthétique... Il ne supportait pas la laideur. Malgré tout, quand on a fini par aller chez le médecin...

„Geschicht ass esou komplex“

Der neue Sammelband der Luxemburger Unesco-Kommission, Mémoires futures – Le patrimoine culturel au Luxembourg, will vieles gleichzeitig sein. Koordiniert von Nora Schleich, Philosophin und Direktorin der Erwuessebildung versammelt der Band 25 Autoren aus allen Bereichen zur Aufarbeitung und Übermittlung von Kulturerbe. Zu klären gelte, was eigentlich das spezifische Erbe einer Gesellschaft ausmache, welche Verantwortung öffentlichen Entscheidungsträgern dahingehend zukommt und wie die Auswahlkr...

La Camara tourne

Après des études de droit et un début de carrière prometteur, la franco-luxembourgeoise a décidé de tout quitter pour se consacrer pleinement à sa vocation artistique. À trente ans, Céline Camara confie avoir fait un choix radical : « Je ne sais pas si ça me donne plus de maturité, mais je suis davantage alignée avec moi-même. Quitter le droit pour devenir comédienne a été l’un des premiers grands choix vraiment personnels et délibérés de ma vie. Avant, tout était un peu prévu, anticipé : études...

Ein Ort gegen die Zeit

Mit der direkten Sonneneinstrahlung war es nach der Fertigstellung des Royal-Hamilius-Komplexes plötzlich vorbei. Auch zieht es seither die Aldringer-Straße hinunter, von neuen Nachbarn wie Starbucks, Decathlon und den Galeries Lafayette einmal ganz abgesehen. Immerhin bot sich mit der Fußgängerzonierung erstmals die Möglichkeit, vor dem Bar américain genannten Interview eine Terrasse einzurichten, auch wenn dies mit einer Mietanpassung einherging. Schwarze und rote Aluminiumstühle mit geometris...

„Ich bin verdammt diszipliniert“

Ihr Vorname leitet sich ab von dem litauischen Wort für Bernstein, jenem Harz urzeitlicher Nadelbäume, das mit der Zeit versteinert an die Ostseeküste gespült wird. Versteinert lässt uns mitunter auch das Leben selbst zurück, bis es sich eines Tages wieder verflüssigt und uns fühlen lässt. Gintarė war dreiundzwanzig, als ihr bester Freund sich auf tragische Weise das Leben nahm. Vor genau einer Woche feierte sie mit ihrem viertem, erstmals in Litauen produzierten Kurzfilm Sujip beim CinEast Fest...

Altrimenti, une utopie en sursis

Au bas des escaliers qui mènent au bar jouxtant la grande salle de spectacle, avec sa scène récemment agrandie, nous attend un homme élégant : pantalon blanc, pull bleu sans manches sur chemise blanche, barbe blanche soigneusement taillée, voix légèrement éraillée, silhouette un peu voûtée. Son nom évoque la petitesse, mais Diego Lo Piccolo entretient de grands projets — même s’il est modeste de stature. Avec Altrimenti, fondé en 2012 avec son épouse Carla, il a relevé un défi rare au Luxembourg...

Bay mir bisdu sheyn

Wenn Guy Schons auf der Bühne steht und die ersten Töne von Tumbalalaike anstimmt, füllt sich der Raum mit einer ganz besonderen Wärme. Seine kratzig-vertraute Stimme, getragen von Gitarrenarrangements, verleiht den jiddischen Liedern jene Mischung aus Melancholie und Würde, die ihre wechselvolle Geschichte so eindringlich erzählt.

Der 75-jährige Musiker hat die Lieder eigens arrangiert und in der von ihm für ihre Akustik gelobten Kapelle in Schweich aufgenommen. Daraus entstand die neue CD m...

Von der geladenen Geste zur stillen Spur

Zwei Räume zählt die Ausstellung Loopzones von Susan Noesen: einen abgedunkelten, immersiven Videoraum und einen lichten, fast meditativen Saal mit textilen und skulpturalen Arbeiten. Dabei geht es bei dieser Zweiteilung um mehr als lediglich einen Wechsel von Medium und Atmosphäre. Sie markiert den Übergang zwischen Wahrnehmungsebenen – zwischen der Flüchtigkeit projizierter Bilder und der Körperlichkeit von Stoff und Objekt.

Im ersten Raum schlängelt sich der Besucher vorbei an einer Reihe...

Ein Abschied

Das Treppenhaus ist versperrt, der großzügige Saal mit den Sitzbänken im Obergeschoss schon länger nicht mehr zugänglich – dafür, seit einiger Zeit, ein Bibliotheksraum rechts von der Einkaufstheke, von wo aus man in einiger Entfernung zum Eingang, inmitten eines über die Generationen bewahrten Kaffeehausmobiliars, wunderbar ruhig und von jeglicher Musikbeschallung ungestört lesen und plaudern kann. Schließlich überließ man den vorderen, unmittelbar rechts vom Eingang gelegenen, kleineren m’as-t...

Radikaler Freigeist

New York Times, Guardian, BBC. Die Liste der Nachrufe auf Léon Krier werden von den weltweit bekanntesten Medienhäusern angeführt. Immer wieder dabei hervorgehoben wird Kriers englische Retortenstadt Poundbury, die nach der von ihm propagierten Grundlage des polyzentrischen Stadtmodells und traditionellen Bauart mit tatkräftiger Unterstützung von König Charles III geplant und vergangenes Jahr fertiggestellt wurde. In Luxemburg fielen die Würdigungen Kriers vergleichsweise ernüchternd aus. Das Wo...

„Anständig und menschlich“

d‘Land: Ihr neues Buch Keiner weinte, es gab keine Tränen mehr (Capybara Books, 348 Seiten) stellt die Summe Ihrer Recherchen zum Thema sowjetische Zwangsarbeiter in Luxemburg dar. Wer waren diese Menschen?

Inna Ganschow: Man unterscheidet zwischen zwei Kategorien von Zwangsarbeitern aus der ehemaligen Sowjetunion: den Kriegsgefangenen und den sogenannte Ostarbeitern. In meinem Buch habe ich beide unter der Bezeichnung sowjetische Zwangsarbeiter zusammengefasst. Allerdings wurden die Kriegsge...

„Wachrütteln“

„Nein nein, nicht vergessen“ habe man Marie-Claude Deffarge, sondern zeitlebens „vernachlässigt“, korrigiert uns Ingrid Becker-
Ross-Troeller. Im Gegensatz zu Gordian Troeller sei Deffarge ja nie ein „Star“ gewesen. Wir sitzen im Frühstücksraum vom Hotel Sheraton in Essen. Es ist der Morgen nach der feierlichen Einweihung der Ausstellung DEFFARGE & TROELLER: Keine Bilder zum Träumen, Stern-Reportagen und Filme. Ingrid Becker-Ross-Troeller, Gordian Troellers letzte Ehefrau, berichtet lebhaft und...
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